Día de la Virgen de Guadalupe

Jonas RauDiesen netten Mexikaner habe ich Häuptling Adlerkopf getauft. Weiß auch nicht, wieso.

Am 12. Dezember steht Mexiko City (oder für Kenner: DF) für einen Tag Kopf. Nein – das ist nicht ganz richtig. Mexico City steht eigentlich jeden Tag Kopf, aber am 12. Dezember ganz besonders. Der Hintergrund: Zu diesem Datum wird Santa María de Guadalupe oder kurz: die Virgen de Guadalupe gefeiert. Das heißt aus ganz Mexiko kommen Gläubige nach DF um die Jungfrau anzubeten und ihre Sünden vergeben zu bekommen. In eine Stadt, die schon unter normalen Umständen 22 Millionen Einwohner zählt. Und mitten drin: Aimee und ich.

Auf dem Weg Basílica de Santa María de Guadalupe
Jugendliche Gläubige auf dem Weg zur Basílica de Santa María de Guadalupe
Es sind viele Jugendliche zu sehen
Das Durchschnittsalter der Gläubigen in Mexiko scheint niedriger zu sein als in Deutschland
Die sich - wie in Mexiko üblich - natürlich gerne ablichten lassen
Und die Jugendlichen lassen sich – wie in Mexiko üblich – natürlich gerne ablichten

An dieser Stelle vielleicht eine kurze Erklärung zu Aimee: Aimee ist eine Amerikanerin (ein Umstand, der sie dazu motiviert hat, die kanadische Staatsbürgerschaft zu beantragen, aber das nur am Rande), die ich vor rund zwei Jahren bei meiner US-Reise kennen gelernt habe. Da sie sich derzeit in Vorbereitung auf einen 5-monatigen, erzwungen veganen (ich sage nur: Yoga-Lehrerin) Mexiko-Aufenthalt befindet, habe ich ihr versprochen, ihr Puebla und mexikanische Tacos zu zeigen. Wer mehr wissen möchte, wird auf ihrem englischsprachigen Blog fündig.

Mexiko: Öffentliche Veranstaltungen werden quasi zwangsweise zum Familienfest
Interessante Randnotiz: Öffentliche Veranstaltungen werden in Mexiko quasi zwangsweise zum Familienfest
Bildnis der Virgen de Guadalupe
Viele Gläubige tragen das Bildnis der Virgen de Guadalupe auf dem Rücken (in diesem Fall sicherheitshalber gleich zwei mal)
Die Virgen - auch als Statue beliebt
Natürlich macht die Virgen auch als Statue eine gute Figur

Das aber nur als Exkurs. Zurück zur Virgen. Bei ihr handelt es sich um die wichtigste mexikanische Heilige – und das will tatsächlich etwas heißen. Wobei ich hier Begriffe vermische: Die Virgen de Guadalupe ist nämlich eigentlich keine Heilige, sondern ein Gnadenbild. Nein, ich hatte auch keine Ahnung, was das ist, aber seien wir mal ehrlich: Wer versteht den ganzen Hokuspokus schon wirklich?

Am 9. Dezember 1531 soll am Stadtrand von Mexiko-Stadt dem Indio Juan Diego Cuauhtlatoatzin (1474–1548) viermal eine schöne Frau erschienen sein, die sich als „eure erbarmungsreiche Mutter, die Mutter aller Menschen“ bezeichnete.
-Wikipedia

Die Erscheinung soll Juan Diego aufgetragen haben, den örtlichen Bischof darum zu bitten, auf dem Berg ihrer Erscheinung eine Kapelle zu bauen. Was der Bischof natürlich erst mal nicht glaubte, woraufhin Juan Diego auf Geheiß der Erscheinung mitten im Winter Rosen pflückte. Als er seinen Mantel (damals gab es noch keine Plastiktüten) mit den Blumen vor dem Bischof ausbreitete, war auf dem Mantel das Abbild Marias zu sehen – was den Bischof so beeindruckte, dass er prompt die Kapelle bauen ließ.

Der erste Federkopfschmuck
Ein Zeichen, dass wir uns der Kirche nähern: Der erste Kopfschmuck wird sichtbar (das – und natürlich die Kirche im Hintergrund)
Auf Knien zur Basílica
Nicht wenige Gläubige bewegen sich auf Knien zur Basílica, für die Extra-Portion Sündenvergebung
Was einerseits erklärt, warum das kleine Mädchen sich normal fortbewegen darf - und neugierig macht, was ihre Mutter wohl so angestellt hat...
Kinder sind noch nicht so sündig – was wohl die Mutter angestellt hat?
An kaum einem anderen Ort sind der indigene und der christliche Glauben so schön nebeneinander zu beobachten wie hier
An kaum einem anderen Ort sind der indigene und der christliche Glauben so schön nebeneinander zu beobachten wie hier
Den Fotografen freut's
Den Fotografen freut’s
Diesen netten Mexikaner habe ich Häuptling Adlerkopf getauft. Weiß auch nicht, wieso.
Diesen netten Mexikaner habe ich Häuptling Adlerkopf getauft. Weiß auch nicht, wieso.

Wichtig, wichtiger, virgen

Für viele Mexikaner ist die Virgen daher die Superheilige schlechthin – eben weil sie sich nicht gleich dem Bischof zeigte, sondern einen indigenen Vermittler gewählt hat. Wäre man böse, könnte man natürlich einwenden, dass sie den Mexikaner als running boy für die Drecksarbeit benutzt hat – aber wer wäre schon so böse? Der katholischen Kirche passte die Geschichte jedenfalls blendend bei der Konvertierung der Überzeugung der Naturvölker ins Konzept. Ob man deshalb jetzt wirklich win-win sagen darf, halte ich allerdings für zweifelhaft. Für Juan Diego hat es sich jedenfalls gelohnt, er wurde 2002 heiliggesprochen – warum genau, habe ich in der Kürze der Zeit nicht herausfinden können.

Unbestritten ist jedenfalls die Bedeutung der Virgen für die Mexikaner. Sie ist so wichtig, dass an der Stelle, an der ursprünglich die Kapelle errichtet wurde, mittlerweile – sofern ich mich nicht verzählt habe – gleich drei Kapellen, ein Tempel/Konvent und sicherheitshalber auch zwei Basilikas (ich bin mir nicht sicher, ob das der korrekte Plural ist – man verwendet das Wort aber eben auch eher selten in der Mehrzahl) errichtet wurden.

Im Hintergrund: Die alte Basílica. Im Vordergrund: Ein Mexikaner.
Im Hintergrund: Die alte Basílica. Im Vordergrund: Ein Mexikaner.
Auch für den Nachwuchs gibt es natürlich schon feschen Federschmuck. Man will schließlich dazugehören.
Auch für den Nachwuchs gibt es natürlich schon feschen Federschmuck. Man will schließlich dazugehören.
Wie so ziemlich alles in Mexiko wird natürlich auch der Federschmuck mit den Händen gemacht. Damit es besser hält werden laut unserer Führerin neben Leim auch jede Menge Gebete hinzugegeben. Sicher ist sicher.
Wie so ziemlich alles in Mexiko wird natürlich auch der Federschmuck mit den Händen gemacht. Damit es besser hält, werden laut unserer Führerin neben Leim auch jede Menge Gebete hinzugegeben. Sicher ist sicher.
Die traditionelle indigene Kleidung.
Die traditionelle indigene Kleidung.
Ohne Kopfschmuck.
Ohne Kopfschmuck …
Wenn das mal keine heiße Aztekenbraut ist...
… und mit Kopfschmuck. Wenn das mal keine heiße Aztekenbraut ist.
OK die Überleitung krieg ich jetzt wirklich nicht hin.
OK die Überleitung krieg ich jetzt wirklich nicht hin.

Eine Stadt versinkt (sogar mehr als sonst) im Chaos

So viel zur Virgen, kommen wir zu den Feierlichkeiten: Warum der 12. Dezember dafür ausgewählt wurde, erschließt sich mir zwar nicht so ganz, fest steht aber, dass auf dem Berg der Virgen an dem Tag mächtig die Post abgeht. In den Fotos leider nur am Rande erkennbar: Viele Gläubige reisen für diesen in Trailern (also: auf der Ladefläche eines LKWs) an, einige mit dem Fahrrad, wieder andere mit Bussen oder der Metro. Kurz gesagt: Mexiko City ist am 12. Dezember zumindest in Teilen dicht.

Gearbeitet wird an dem Tag natürlich (wenn irgend möglich) auch nicht – was nur vernünftig ist, würde das doch nur weiter zum Verkehrschaos beitragen. Wer nicht Sinn und Verstand genug hat, den Anlass für eine Reise in einen anderen Landesteil zu nutzen, macht sich stattdessen mit Kind und Kegel auf zur Basílica seines Vertrauens – am besten mit einem oder gleich mehreren Bildern der Virgen im Gepäck (ansonsten auch – oh Wunder! – vor Ort käuflich zu erwerben).

Mit abnehmender Entfernung zur Basílica nehmen dann die Menschenmassen und vor allem der Geräuschpegel zu. Frei nach der mexikanischen Relativitätstheorie (Stärke des Glaubens = Krach² mal Devotion) hört man von Kindergeschrei über Fußrasseln bis hin zu Peitschenhieben (zum Vertreiben böser Geister) so ziemlich alles auf dem normalerweise geräumigen Platz vor den Kirchen.

Ein wichtiges Element bei so ziemlich jeder Feierlichkeit in Mexiko: Lärm.
Ein wichtiges Element bei so ziemlich jeder Feierlichkeit in Mexiko: Lärm.
Entweder mit Krachmachern an den Fußfesseln oder als Krachmacher unter den Schuhen.
Entweder mit Krachmachern an den Fußfesseln oder als Krachmacher unter den Schuhen.
Gut geschminkt ist halb vergeben
Gut geschminkt ist halb vergeben
Bei der Maya-Zeremonie leitet die Chefin die Gebete an
Bei der Maya-Zeremonie leitet die Chefin die Gebete an
Gebetet wird in alle vier Himmelsrichtungen - man hat mir mal erklärt, wofür sie stehen, aber ich hab's vergessen.
Gebetet wird in alle vier Himmelsrichtungen – man hat mir mal erklärt, wofür sie stehen, aber ich hab’s vergessen.
Auch dieser mexikanische Sonnenstudiobesitzer hat den Weg zur Virgen gefunden
Auch dieser mexikanische Sonnenstudiobesitzer hat den Weg zur Virgen gefunden
Von wie weit die Pilger kommen lässt sich kaum sagen.
Von wie weit die Pilger kommen lässt sich kaum sagen.
Da die Knie dieses jungen Manns noch recht ordentlich wirken, tippe ich mal auf die nähere Umgebung
Da die Knie dieses jungen Manns noch recht ordentlich wirken, tippe ich mal auf die nähere Umgebung
Dennoch ist er dankbar, nachdem er die kleine Treppe vor der Kirche überwunden hat. Die ist aber auch fies.
Dennoch ist er dankbar, nachdem er die kleine Treppe vor der Kirche überwunden hat. Die ist aber auch fies.
Selten habe ich ehrlichere Freude beim Betreten (Beknien?) einer Kirche gesehen. Endlich.
Selten habe ich ehrlichere Freude beim Betreten (Beknien?) einer Kirche gesehen. Endlich.

Ablass für alle

Die Gläubigen kommen dabei aus allen Landesteilen (mit Ausnahme des Südens unter Umständen, die eine eigene Zeremonie haben, allerdings ohne das Original-Tuch mit dem Gnadenbild), denn natürlich gibt es einen besonderen Anreiz: Wer zur Basílica pilgert, bekommt seit Papst Gregor XIII (für alle, die es interessiert: Der Urheber des gleichnamigen Kalenders) seine Sünden erlassen. Was mich persönlich auf die Anwesenheit des mexikanischen Staatsoberhaupts, Enrique Peña Nieto, hoffen ließ – aber man kann nun einmal nicht alles haben.

Wer sich besonders schwerer Sünden schuldig gemacht hat (oder schuldig fühlt), kann die Reise auch auf Knien zurücklegen. Die Virgen gilt aus diesem Grund auch als Schutzheilige der Orthopäden. Angeblich gibt es immer wieder Gläubige von weiter her, die die komplette Pilgerung auf Knien zurücklegen – vom Zustand der überwiegenden Mehrzahl der Knie her zu urteilen konnte ich aber keinen derartigen Sündenbold entdecken.

Wie schon zuvor gesagt: Jede ...
Wie schon zuvor gesagt: Jede …
... Menge ...
… Menge …
... Knder. Mit dem Sündenvergeben kann man einfach nicht früh genug anfangen.
… Knder. Mit dem Sündenvergeben kann man einfach nicht früh genug anfangen.
Als bekennender Atheist kann ich mir dem gegeben Anlass unwürdige Gedanken nicht verkneifen. Fanboys be like: "Maria, ich will ein Kind von dir."
Als bekennender Atheist kann ich mir dem gegeben Anlass unwürdige Gedanken nicht verkneifen. Fanboys be like: “Maria, ich will ein Kind von dir.”
Draußen spielt eine Mariachi-Band (Hintergrund), zu der einige Mexikaner tanzen
Draußen spielt eine Mariachi-Band (Hintergrund), zu der einige Mexikaner tanzen
Natürlich - wie es der Geschichte der Virgen entspricht - in traditionelle Kleider gehüllt
Natürlich – wie es der Geschichte der Virgen entspricht – in traditionelle Kleider gehüllt
Und natürlich - wie es der mexikanischen Tradition entspricht - mit Kindern
Und natürlich – wie es der mexikanischen Tradition entspricht – mit Kindern
Wenn die traditionelle Kleidung aus ist, tut es zur Not auch ein Monster-Kostüm.
Wenn die traditionelle Kleidung aus ist, tut es zur Not auch ein Monster-Kostüm.
Hier wird wohl gerade - nach Auskunft der Umstehenden - der Platz von bösen Geistern gereinigt.
Hier wird wohl gerade – nach Auskunft der Umstehenden – der Platz von bösen Geistern gereinigt.
Auch wenn die Müllabfuhr vielleicht sinnvoller wäre. Ich spreche natürlich vom Hintergrund des Bildes.
Auch wenn die Müllabfuhr vielleicht sinnvoller wäre. Ich spreche natürlich vom Hintergrund des Bildes.
Mitten im Gewimmel: Der Vertreter der spanischen Monarchie. Wirkt ein bisschen einsam.
Mitten im Gewimmel: Der Vertreter der spanischen Monarchie. Wirkt ein bisschen einsam.

Auch in Mexiko ist jeder Jeck anders

Besonders schön ist am 12. Dezember aber die Verbindung indigener und christlicher Elemente zu beobachten, wie sie für den katholischen Glauben bei großen Teilen der mexikanischen Bevölkerung typisch ist. Ganz ohne Berührungsängste beten hier Schamanen-Frauen in die vier Himmelsrichtungen, Gläubige im Aztekenkostüm mit beeindruckendem Kopfschmuck tragen die Standarte der Virgen vor sich (am Rande: Die ursprüngliche Flagge Mexikos während der 1. Revolution) und wer nicht auf seine Hände aufpasst, bekommt daraus in atemberaubender Geschwindigkeit die Zukunft abgelesen. So wirkt der Día de la Virgen de Guadalupe wie eine Mischung aus einem ökumenischem Gottesdienst aller Weltreligionen, einem Besuch des Phantasialands und einer Kombination brasilianischen und kölschen Karnevals – und das alles auf einem Areal, das schätzungsweise zwei Fußballfelder beherbergen könnte.

Und kann vom Umfang her auch definitiv nicht mit dem Chef von der Bande mithalten.
Und kann vom Umfang her auch definitiv nicht mit dem Chef von der Bande mithalten.
Und natürlich wird getanzt, was das Zeug hält.
Und natürlich wird getanzt, was das Zeug hält.

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Am Rande: Aimee.
Am Rande: Aimee.
Einige Verehrer der Virgen haben sich übrigens mit dem Fahrrad nach DF aufgemacht.
Einige Verehrer der Virgen haben sich übrigens mit dem Fahrrad nach DF aufgemacht.
Welche Bedeutung der Fußball hat weiß ich allerdings auch nicht.
Welche Bedeutung der Fußball hat, weiß ich allerdings auch nicht.
An dieser Stelle vielleicht ein kleines Geständnis: So gerne Mexikaner ihre Kinder mitbringen ...
So gerne Mexikaner ihre Kinder mitbringen, so gerne fotografiere ich sie auch.

Dennoch: Der Feiertag verläuft (wenn auch im Angesicht eines selbst für DF massiven Polizeiaufgebots) friedlich und die Gläubigen scheinen ihren Spaß zu haben. Der Schmelztiegel unterschiedlichster religiöser Ansichten ist dabei typisch für die mexikanische Art, Katholizismus zu leben: Streng gläubig heißt hier nämlich keinesfalls, alles aus dem Mund der Priester für bare Münze zu nehmen, sondern einfach nur, dass man völlig von dem Glauben überzeugt ist. Egal in welcher Form.

Eine schöne Mexikanerin
Eine schöne Mexikanerin
Und ein paar hässliche Fratzen
Und ein paar hässliche Fratzen
Ich habe tatsächlich recht lange gebraucht, um zu merken, dass es sich hier nicht um zwei Paar Augenbrauen, sondern um Sehschlitze handelt.
Ich habe tatsächlich recht lange gebraucht, um zu merken, dass es sich hier nicht um zwei Paar Augenbrauen, sondern um Sehschlitze handelt.
Da fotografiert dich jemand! Lächel mal!
Da fotografiert dich jemand! Lächel mal!
Schuhputzen hat in Mexiko - wie schon häufiger erwähnt - einen ganz anderen Stellenwert als in Deutschland. Dennoch fand ich die Bildsprache irgendwie passend.
Ausnahmsweise lasse ich das Bild mal für sich sprechen.
Wir machen uns auf den Weg zu den besten Tacos von DF (links: Chio, rechts: Aimee)
Wir machen uns auf den Weg zu den besten Tacos von DF (links: Chio, rechts: Aimee)
Aber natürlich gehe ich an euch nicht ohne Foto vorbei
Aber natürlich gehe ich an euch nicht ohne Foto vorbei
Keine Sorge, Amigos!
Keine Sorge, Amigos!
Und auch an euch nicht.
Und auch an euch nicht. Aber apropos vorbei – das wars dann auch schon!